Premiere: Wiener Blut

Premiere: Wiener Blut

Man kann es ihm schon ein bisschen nachfühlen, dem Grafen Ypsheim. Oder ‚a bisserl‘, wie der Wiener sagt. Der arme Graf (gespielt von einem prächtig aufgelegten Paul Schmitzberger) kommt aus dem wohlgeordneten Reuß-Kreiz-Schleiz in die Donaumetropole und wird dort mit der Wiener Lebensart konfrontiert. Dabei will er doch einfach nur bei seinem Untergebenen, dem Grafen Balduin, nach dem rechten sehen. Nur dass der sich mittlerweile an die lockere Lebensart angepasst hat.

„In Wien da wird ma automatisch zum Schlawiner“, sagt Balduin und das stimmt wohl. Es versteht sich von selbst, dass da kein Auge trocken bleibt. Die Operette spielt vor dem historischen Hintergrund des Wiener Kongresses. Vor 200 Jahren wurde Europa neu geordnet, nach dem Unwetter „Napoleon“ bedeutete dies eine epochale Veränderung unserer Heimat. Gerade für Franken hat dieses Treffen eine große Bedeutung, kam es doch damals zum Königreich Bayern. Doch das dient dem Lustspiel „Wiener Blut“ lediglich als Kulisse. Bei den Frankenfestspielen wurde die Operette von Johann Strauß unter der Regie von Pavel Fieber, einem Urgestein des deutschsprachigen Theaters, umgesetzt (der folgende Klick ist es wert: hier). Schon bei der vorangegangenen Matinée hat es sich Fieber nicht nehmen lassen, seinem Publikum die Entstehungsgeschichte und Besonderheiten des Stückes näherzubringen. Denn es steht ganz im Zeichen der österreichisch-deutschen Völkerverständigung. Wer da wem Nachhilfe gibt, das sei mal dahingestellt. Heißt es im Stück denn nicht auch, was die Österreicher und die Deutschen trennt ist ja bekanntlich die gemeinsame Sprache?

Die Premiere beginnt, wie Freilichttheater beginnen sollten. Die Bühne steht unter dem Zeichen des Doppeladlers, ganz im Stil der K+K-Monarchie. Die Aufbauten wirken frei und luftig. Anders als in den Aufführungen, die ich bisher in Röttingen erlebt habe, ist das Kammerorchester unter einer Gitterpergola untergebracht, direkt auf der Bühne. Gerade die Musik spielt an diesem Abend eine Sonderrolle, doch darauf werde ich später noch eingehen.

Ein buntes Vorspiel zeigt Theaterhektik, scheint die Grenzen zwischen heute und damals aufzulösen, nicht ohne Seitenhiebe auf die Moderne – das Handy ist immer präsent. Bis Katharina Lochmann in ihrer Rolle als „Pepi“ auf die Bühne tritt. Sie gibt sich gutgelaunt und kokett, was einer stimmigen Einleitung des Stückes entspricht. Max Buchleitner kommt hinzu. Er spielt Joseph, den Freund der Pepi, mit einer gehörigen Portion Mutterwitz, Gleichmut und Gewitztheit. Joseph ist sowohl Diener als auch Narr für den Grafen Balduin, kraftvoll auf die Bühne gebracht durch den in Röttingen schon bekannten Anton Graner, einer der Hauptakteure des Verwirrspiels. Das bunte Treiben nimmt schnell seinen Lauf, angefeuert durch ein Kleid, das der Geliebten des Grafen Balduin, gespielt durch die Allgäuer Newcomerin Andrea Jörg, nicht recht passen will. Der Graf verstrickt sich mehr und mehr in seine eigenen Lügenmärchen. das Ganze wirkt gelöst und spielerisch, so als amüsierte sich nicht nur das Publikum.

Einer der vielen Höhepunkte ist hierbei sicherlich das Duett des Grafenpaares, das titelgebende „Wiener Blut“. Die Dynamik offenbart sich voll im Spiel, ist auf den Punkt arrangiert. Ein völlig anders geartetes Duett ist das von Joseph und Pepi. Den lebensfrohen Charakteren entsprechend zeigt sich ihre Lebendigkeit in jedem Schritt, jedem Ton und jeder Pose. Bemerkenswert ist ebenso die schwangere Anna (dargestellt von der gleichfalls schwangeren Frederike Faust), die eigens in das Stück „hineingeschrieben“ wurde. Im Auftreten ist sie burschikos, hat das Herz auf der Zunge, und trägt dabei ein Lied von Nestroy vor. „Männer ham’s guat“ singt sie da und bizarrerweise hat sich da seit zwei Jahrhunderten wenig geändert, selbst in unserer digitalen Welt.

Martin Berger ist in der Rolle des Karussellbesitzers Cagliari zu sehen. „Solang ma ned a reicher Mann ist wird mer nie a Geld ham“, sagt er und bringt damit unser verzweifeltes ökonomisches Streben auf den Punkt – wie aktuelle Studien ja beweisen. Ebenfalls beweist sich hier wieder einmal Bergers Wandlungsfähigkeit, auf dessen Auftritt ich mich jedes Mal freue. Beim Wiener Blut singt er für uns etwas von Nestroy: “Das Glück is a Vogerl“ Das ist passend in Szene gesetzt, die Flöte trillert dazu wie um dies zu unterstreichen, Streicher führen die Melodie und das Horn wirkt dabei wie ein Echo.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle ebenfalls das e-Ensemble. Ihre Auftritte sind professionell und zeigen die große Bandbreite an Tanz und Gesang, welche die nebenberuflichen Darsteller zum Besten geben. Die regionalen Künstler sind weit mehr als nur eine lebendige Kulisse aus Statisten.

Abschließen möchte ich mit den musikalischen Eindrücken. Die Positionierung des Kammerorchesters auf der Bühne ist ein ausgesprochen cleverer Schachzug, der die Elemente Schauspiel und Musik auf besondere Art verbindet. Der persönliche Eindruck von synergetischem Wachstum entsteht, wenn beide Grundelemente ineinander greifen. Denn die Leistungen sind so gut orchestriert, dass Platz bleibt für die Gesamtwirkung. Zu keiner Zeit herrscht einseitige Dominanz, alles wirkt wunderbar abgestimmt zwischen Schauspiel, Musik und Tanz. Dadurch entsteht ein Schwung, welcher die Zuschauer aufs Beste unterhält. Die Klaviermusik ist dezent, die Streicher sauber herausgearbeitet, dazwischen kommt klar die Flöte zur Geltung. Das wirkt leicht, weil gekonnt, und perfekt abgestimmt mit dem Gesang und der Choreografie. Das verdeutlicht niemand so gut wie der Kapellmeister selbst – Walter Lochmann dirigiert mit Rechts, geht völlig auf in seinen Melodien, greift spielerisch mit Links in die Tasten.

Diese Publikumsnähe zeichnet für mich Wiener Blut bei den Frankenfestspielen aus. Bei gleichbleibend hoher Tonqualität bieten die schwungvollen Darsteller ihrem Publikum Unterhaltung pur. Und das für Jung und Alt.

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