Besuch der Horrere – eine nächtliche Lesung

Horrere – wie schaurig kann das schon sein? Man hat ja schon so manches gesehen, gelesen und gehört. Vielleicht beantwortet sich diese Frage von selbst nach der Lektüre dieses Textes…

Schon im Vorfeld habe ich mir so meine Gedanken gemacht. Eine Lesung in einer Röhre? Und vor allem, was wird da gelesen? Schauerliches war angekündigt und das passt dann wohl auch zum vorherigen „Dracula“. Über den habe ich ja schon ausgiebig berichtet. Als es stiller wurde in der Burg Brattenstein, machte ich mich auf dem Weg durch den Paracelsus-Garten hin zur besagten Röhre. Meine Mädels begleiteten mich bis dorthin, wahrscheinlich waren sie auch ein wenig neugierig. Der Tunnel selbst war stimmungsvoll beleuchtet. Es waren nur einige Stühle um das Pult aufgestellt, aber das war auch gut so. Schließlich kommt es ja auch auf die Atmosphäre an, oder?

Noch ehe es wirklich losging, ergab es sich, dass ich mich mit Walter Lochmann kurz über die Natur des Grauens sowie den Unterschied zwischen Angst und Furcht austauschen durfte. Hochinteressantes Gespräch, das ich gerne noch vertieft hätte, aber irgendwann musste die Horrere ja anfangen 🙂

Sascha Oliver Bauer nahm Platz, genauso Walter Lochmann, und es begann. Es zeigte sich, dass mein Platz im Zuschauerraum seinen ganz eigenen, nun, sagen wir mal Charme besaß. Denn ich saß ganz hinten auf der oberen Röhrenseite, mit dem Rücken zur Öffnung. Die Akkustik war dort hervorragend. Aber irgendwie kam es von selbst, dass ich mich instinktiv umdrehen musste. Natürlich war da nichts.

Nach ein paar philosophischen Gedanken von Edgar Allan Poe, die sich mit dem vermittelbaren Grauen und dem unvermittelbaren Schrecken, z.B. eines Massentodes, beschäftigten, stieg Bauer voll ein. Das Publikum durfte verschiedenste Geschichten erleben, von händeleckenden Mördern bis zu unheilbringenden Rosen und klassischen Geistermädchen. Sensationell war der „Puppenmord“ – die alptraumhaften Schreie der Puppe wurden zu einem ganz eigenen Erlebnis.

Die Auswahl der Kurzgeschichten, von klassisch bis zeitgenössisch, war repräsentativ für die Frankenfestspiele – es gab auch hier viel für den unterschiedlichsten Geschmack.
Wir alle wissen, wie entspannend Lesen sein kann. Vorlesen ist etwas völlig anderes, weil eine glaubhafte Interpretation die Texte regelrecht „vorlebt“. So etwas kann eine physische und psychische Belastung sein. Wenn es gelingt, dann ist es reines Kopfkino, untermalt mit Musik, die einmal bewusst atonal, dann wieder verstärkend oder gar ablösend für die Worte sein kann. Ein bisschen wie ein Duett zwischen Musiker und Leser.

Neben mir stürzten immer wieder schwärmende Falter in die nahen Scheinwerfer, wo sie mit einem Knacken verendeten. Oder war es doch etwas anderes? Sicherheitshalber sah ich mich nochmal um. Nein, hinter mir war nichts.

Die Lesung ging rasant weiter. Wir hörten makabre und teils groteske Geschichten um tote Hunde und Gewaltfantasien. Das erwies sich als Abstieg in die finstersten Winkel der menschlichen Psyche. Es ist schlimm, das lebhafte Grauen interpretieren zu müssen aus Sicht der „Opferrolle“. Wie viel schlimmer ist die – scheinbar – kalte und gleichgültige Weltsicht eines kranken und perversen Geistes? Schon allein dafür verdienen die Künstler meinen Respekt. Natürlich durfte der moderne Großmeister Stephen King nicht fehlen. Sein „Schreckgespenst“, zugegebenermassen bekannt, hatte ich so aber noch nicht erlebt. Weg von Buchstaben und Seiten hin zum Kern der Geschichte. King, der sich aus meiner Sicht schon lange nicht mehr neu erfinden konnte, wurde so auf eine ganz andere Ebene gebracht.

Auch die Klassiker kamen nicht zu kurz. Wer sich beim Stichwort „Erlkönig“ nur an den Deutschunterricht erinnert, wo Goethe leiernd und lustlos vorgetragen wird während die Klassenkameraden schliefen oder sonstwas trieben, der konnte hier etwas völlig anderes erleben. Interpretiert mit dreierlei Dialogstimmen aus ein und derselben Kehle wurde das komplette Potenzial dieses Gedichtes demonstriert. Und wenn man von den Klassikern und Wegbereitern der modernen Horrorzunft spricht, darf natürlich Poe selbst nicht fehlen, mit seinem Vorzeigestück – der Rabe. (Sicherlich hätte ich gerne etwas von meinem persönlichen Helden gehört, H.P. Lovecraft, nur sprengen die besten seiner Geschichten den zeitlichen Rahmen einer solchen Veranstaltung. Pickmanns Modell interpretiert von diesen beiden, ja, das wäre was … aber ich schweife ab)

Den Abschluss bildete eine eher scherzhafte Geschichte, die Lochmann mittels einer kurzen wie bekannten Ragtime-Sequenz ausklingen ließ. Solcherart erleichtert entließen uns die Herren in die Nacht.
Ein letzter Blick nach hinten – nein, da war nichts.

*** Wer mir das mit dem Umdrehen nicht glaubt, der möge es einfach mal selbst ausprobieren. Einfach nachts mit dem Rücken vor die geöffnete Tür setzen und ein gutes Stück Schauerliteratur zur Hand nehmen. Es lohnt sich.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Aufgelesen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.